Pressemitteilung: 12.007-073/19

1,5 Millionen Menschen in Österreich waren 2018 von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen

Wien, 2019-04-25 – Im Jahr 2018 waren 1.512.000 Menschen oder 17,5% der Bevölkerung in Österreich laut Statistik Austria armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Damit zählten sie zur Sozialzielgruppe der "Strategie Europa 2020". Aus der Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen "EU-SILC" kann innerhalb der vergangenen zehn Jahre eine Reduktion dieser von Einkommensarmut, materiellen Benachteiligungen oder geringer Erwerbseinbindung Betroffenen abgelesen werden: Insgesamt hat sich die Zahl der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten seit 2008 um 187.000 Personen verringert. Dennoch besteht für bestimmte Bevölkerungsgruppen nach wie vor ein hohes Risiko sozialer Benachteiligung, etwa für Ein-Eltern-Haushalte, kinderreiche Familien, Langzeitarbeitslose, Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft und Geringqualifizierte. Auch 372.000 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren leben aktuell in Haushalten mit Ausgrenzungsgefährdung und sind dadurch in vielen Bereichen von sozialer Teilhabe ausgeschlossen.

187.000 Personen weniger Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete als vor zehn Jahren

Die Europa 2020-Strategie formuliert als Kernziel im Sozialbereich, die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffenen oder bedrohten Menschen bis zum Jahr 2020 um mindestens 20 Millionen Personen EU-weit zu senken. Für Österreich bedeutet dies anteilig eine angestrebte Reduktion um 235.000 Personen. Mit einem Rückgang der Zahl der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten von 1.699.000 (20,6%) im Jahr 2008 auf 1.512.000 (17,5%) im Jahr 2018 wurde bisher eine Reduktion um 187.000 Personen erreicht.

EU-SILC weist 2018 für den nach EU-Definition gemessenen Indikator „Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung“ folgende Werte aus (Tabelle 1):

  • 14,3 % bzw. 1.238.000 Personen waren armutsgefährdet,
  • 2,8% bzw. 243.000 Personen waren erheblich materiell benachteiligt und
  • 7,3% bzw. 480.000 Personen (unter 60-Jährige) lebten in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität.

Da diese Merkmale in Kombination auftreten können, ist die Zahl der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten geringer als die Summe der drei Einzelindikatoren. 367.000 Personen waren in mindestens zwei der drei Armuts- oder Ausgrenzungsdimensionen benachteiligt (4,2 % der österreichischen Gesamtbevölkerung). 82.000 Personen waren in allen drei Dimensionen benachteiligt.

Langzeitarbeitslose sind die am stärksten betroffene Gruppe

Ein höheres Risiko für soziale Ausgrenzung existiert dort, wo ein Zusammenspiel von niedrigen Einkommen und ökonomisch schlecht abgesicherten Haushaltsstrukturen festzustellen ist (Tabelle 2). Verglichen mit der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung für die Gesamtbevölkerung (17,5%) befanden sich vor allem Langzeitarbeitslose (76%) weitaus häufiger in sozialen Risikolagen.

Auch bei nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft ist ein erhöhtes Risiko für soziale Ausgrenzung festzustellen: Knapp ein Drittel der Personen mit EU-28 oder EFTA- (aber nicht-österreichischer) Staatsbürgerschaft war 2018 mit einer Armutslage konfrontiert (31%), bei Personen mit anderer ausländischer Staatsbürgerschaft war das Risiko mit 46% noch höher. Im Vergleich dazu haben Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft ein Armuts- oder Ausgrenzungsrisiko von 14%.

Verfügt eine Person nur über einen Pflichtschulabschluss, beträgt das Risiko der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung 27%. Personen mit einem mittleren Schul- oder Lehrabschluss sind hingegen unter den Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten geringer vertreten als im Durchschnitt.

Eingeschränkte Erwerbs- bzw. Betreuungsmöglichkeiten schlagen sich ebenfalls in höheren Armuts- oder Ausgrenzungsquoten nieder: In Ein-Eltern-Haushalten Lebende sind zu 44% armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, Familien mit mindestens drei Kindern zu 28%. Auch Alleinlebende, vor allem Frauen, sind öfter betroffen: 32% der alleinlebenden Frauen und 28% der Männer, die nicht hauptsächlich von einer Pension leben, sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Unter den Pensionsbeziehenden sind alleinlebende Frauen mit 29% ebenfalls überdurchschnittlich betroffen. Alleinlebende Männer mit Pension liegen mit einem Armuts- oder Ausgrenzungsrisiko von 17% hingegen im Durchschnitt.

372.000 Kinder und Jugendliche von sozialer Ausgrenzung bedroht

Ein Viertel (25% bzw. 372.000 Personen) aller Armuts- und Ausgrenzungsgefährdeten waren im Jahr 2018 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren. Das Risiko sozialer Ausgrenzung lag für diese Altersgruppe mit 21% über dem der Gesamtbevölkerung (Tabelle 2).

Die ökonomische Situation des Elternhaushalts bestimmt vielfach die Lebensbedingungen der Kinder (Tabelle 3). Für 14% der unter 20-Jährigen aus ausgrenzungsgefährdeten Haushalten ist Sparen bei der Ernährung Teil ihrer Lebensrealität (in nicht ausgrenzungsgefährdeten Haushalten für 2%). 5% leben in aus Kostengründen unzureichend beheizten Wohnungen (ohne Ausgrenzungsgefährdung: 0%) und fast jeder dritte junge Mensch (31%) in einer überbelegten Wohnung (ohne Ausgrenzungsgefährdung: 8%).

EU-SILC zeigt auch, dass ein Aufwachsen in einem Haushalt mit geringem Einkommen oder Erwerbslosigkeit oft durch eingeschränkte soziale Teilhabe für Kinder und Jugendliche gekennzeichnet ist (erfragt wurden diese Merkmale für Kinder zwischen einem und 15 Jahren): Für Kinder mit drohender Armutsgefahr ist es häufiger nicht leistbar, Freunde zum Spielen oder Essen einzuladen (7% gegenüber 1% in Haushalten ohne Ausgrenzungsgefährdung). Auch Freizeitaktivitäten wie Sport- oder Musikkurse, die mit Kosten verbunden sind, können seltener genutzt werden: 16% der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten können sich das für ihre Kinder nicht leisten (gegenüber 3% ohne Ausgrenzungsgefährdung). Die Teilnahme an kostenpflichtigen Schulausflügen nennen 6% der ausgrenzungsgefährdeten Haushalte für ihre Kinder als finanziell nicht möglich (ggü. 0%).

Detaillierte Ergebnisse bzw. weitere Informationen zum Thema finden Sie auf unserer Webseite sowie in den FAQs zum Thema Armut und soziale Eingliederung (PDF, ca. 350 KB).

 

Methodische Informationen, Definitionen:  
EU-SILC: EU-Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (Statistics on Income and Living Conditions). EU-SILC sammelt seit 2003 jährlich Informationen über die Lebensbedingungen der Menschen in Privathaushalten in der Europäischen Union. Für Österreich führt Statistik Austria dieses Projekt durch, bei dem pro Jahr rund 6.000 österreichische Haushalte befragt werden. 
Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung, Europa-2020-Sozialzielgruppe = Armutsgefährdung ODER geringe Erwerbsbeteiligung ODER materielle Deprivation: Die soziale Eingliederung soll in der Europäischen Union bis 2020 insbesondere durch Verminderung von Armut gefördert werden, wobei angestrebt wird, mindestens 20 Millionen Menschen aus Gefährdungslagen zu bringen (Ausgangswert 2008: rund 120 Millionen). Die Zielgruppe umfasst Personen, auf die mindestens eines der drei folgenden Kriterien zutrifft: Armutsgefährdung oder keine/sehr niedrige Erwerbsintensität im Haushalt oder erhebliche materielle Deprivation. Die österreichische Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der in Österreich in diesem Sinne Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten um mindestens 235.000 Personen bis zum Jahr 2020 zu verringern. 
Armutsgefährdung meint ein im Verhältnis zur Mitte der Bevölkerung geringes Haushaltseinkommen: Als armutsgefährdet gelten in der EU jene Haushalte, deren äquivalisiertes (=bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-) Nettohaushaltseinkommen unter 60% des Medians aller äquivalisierten Nettohaushaltseinkommen des Landes liegt. Das war in Österreich laut EU-SILC 2018 ein Betrag von 1.259 Euro pro Monat für Alleinlebende, plus 629 Euro pro Monat für jeden weiteren Erwachsenen im Haushalt und 378 Euro pro Monat für jedes Kind unter 14 Jahren. 
Personen in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität: Ein Haushalt mit geringer Erwerbsintensität schöpft weniger als 20% seines Erwerbspotenzials aus – berechnet auf Grundlage aller 18- bis 59-jährigen Personen im Haushalt (ohne Studierende). 
Europäischer Mindestlebensstandard: Erhebliche materielle Deprivation wird bei Zustimmung zu mindestens vier von neun Aussagen über die Leistbarkeit von Gütern/Bedürfnissen für den Haushalt festgelegt. Der Haushalt kann sich nicht leisten:  
- regelmäßige Zahlungen in den letzten zwölf Monaten rechtzeitig zu begleichen (Miete, Betriebskosten, Kreditrückzahlungen, Wohnnebenkosten, Gebühren für Wasser, Müllabfuhr und Kanal, sonstige Rückzahlungsverpflichtungen); 
- unerwartete Ausgaben bis zu 1.160 Euro zu finanzieren; 
- die Wohnung angemessen warm zu halten; 
- jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch (oder entsprechende vegetarische Speisen) zu essen; 
- einmal im Jahr eine Woche auf Urlaub zu fahren; 
- einen Pkw; 
- eine Waschmaschine; 
- ein Fernsehgerät; 
- ein Festnetztelefon oder Handy.

Rückfragen zum Thema beantworten in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:  
Mag. Nadja LAMEI, Tel.: +43 (1) 71128-7336 bzw. nadja.lamei@statistik.gv.at und  
Mag. Richard HEUBERGER, Tel.: +43 (1) 71128-8285 bzw. richard.heuberger@statistik.gv.at

 

Tabelle 1: Teilgruppen der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung in Österreich 2008 und 2018
Soziale Eingliederungsindikatoren der Europa 2020-StrategieBasisjahr 20081)2018
in 1.000in %in 1.000in %
Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung (in mind. 1 von 3 Bereichen)1.69920,61.51217,5
Armutsgefährdung1.25215,21.23814,3
Haushalte mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität2)4757,44807,3
Erhebliche materielle Deprivation4855,92432,8
Einfach-/Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdung    
Einfach-Ausgrenzungsgefährdet (in ausschließlich einem Bereich)1.28815,61.14513,2
Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdet (in mind. 2 von 3 Bereichen)4115,03674,2
Tabelle 2: Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung für die Bevölkerung insgesamt, nach Alter und Geschlecht sowie für ausgewählte Risikogruppen
BevölkerungsgruppenPersonen gesamt (=100%) in 1.000Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung
in 1.000Risiko in %
Bevölkerung gesamt8.6521.512171)
Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre1.76637221
Männer ab 20 Jahren3.33649515
Frauen ab 20 Jahren3.55064518
Ausgewählte Gruppen mit überdurchschnittlichem Risiko   
Langzeitarbeitslosigkeit (12+ Monate)17913576
Nicht-österreichische und Nicht-EU/EFTA-Staatsbürgerschaft60427646
EU/EFTA-Staatsbürgerschaft (aber nicht Österreich)71222031
Maximal Pflichtschulabschluss1.42838527
Ein-Eltern-Haushalt25611444
Mehrpersonenhaushalt mit mind. 3 Kindern73620728
Alleinlebende Frauen (ohne haupts. Pensionsbezug)48515732
Alleinlebende Männer (ohne haupts. Pensionsbezug)50514128
Alleinlebende Frauen mit haupts. Pensionsbezug3309629

 

Tabelle 3: Finanziell bedingte Einschränkungen bei Grundbedürfnissen und sozialer Teilhabe für Kinder und Jugendliche nach Ausgrenzungsgefährdung
Finanziell bedingte Einschränkungen in %Haushalt ist…
armuts- oder ausgrenzungsgefährdetnicht armuts- oder ausgrenzungsgefährdet
Grundbedürfnisse für Kinder und Jugendliche nicht leistbar1)  
Jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch (oder vegetarisches Äquivalent) zu essen
142
Die Wohnung angemessen warm zu halten5(0)
Wohnung ist überbelegt318
Nicht-Leistbarkeit sozialer Teilhabe für Kinder2)  
Freunde zum Spielen oder Essen einladen7(1)
Regelmäßiges Ausüben von mit Kosten verbundenen Freizeitaktivitäten163
Teilnahme an mit Kosten verbundenen Schulaktivitäten und -fahrten6(0)

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